Die Abschaffung oder Einschränkung der Schulpflicht zugunsten von Hausunterricht durch Eltern wäre aus meiner Sicht ein Rückschritt für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit.
Schule ist nicht nur ein Ort, an dem Wissen vermittelt wird. Schule ist ein Schutzraum. Sie ist ein Ort, an dem Kinder gesehen werden, Beziehungen aufbauen, Freundschaften schließen, Konflikte lösen und lernen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Hier lernen sie Regeln, Verantwortung und den Umgang damit, sich einzubringen, sich zu behaupten – und auch Rücksicht zu nehmen.
Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit haben eindrücklich gezeigt, wie wichtig dieser Schutzraum ist. Als Kinder und Jugendliche über längere Zeit zu Hause bleiben mussten, stiegen Belastungen und Fälle häuslicher Gewalt. Gleichzeitig konnte Kinderschutz deutlich schwerer greifen, weil der regelmäßige Blick von außen fehlte. Schule ist ein wichtiger Ort der Wahrnehmung und des Hinsehens.
Die Schulpflicht schützt außerdem davor, dass Kinder und Jugendliche aus dem Bildungssystem verschwinden. Sie stellt sicher, dass Kinder lernen können – unabhängig davon, ob Eltern die Zeit, die Ressourcen oder die fachlichen Möglichkeiten haben, eine umfassende Bildung zu gewährleisten. Sie schützt auch davor, dass wirtschaftliche Interessen oder familiäre Belastungen dazu führen, dass Kinder arbeiten müssen, statt Bildung zu erhalten.
Ein weiterer kritischer Aspekt wäre: Wer übernimmt den Bildungsauftrag zu Hause? Wer trägt die Verantwortung für die tägliche Begleitung, Förderung und Bildung? In der Realität sind es vielerorts noch immer überwiegend Frauen, die diese Aufgabe übernehmen würden. Eine Ausweitung von häuslicher Bildung könnte traditionelle Rollenbilder verstärken und uns gesellschaftlich zurückwerfen, statt Gleichberechtigung zu fördern.
Wenn Bildung stärker ins Elternhaus verlagert würde, würden vor allem diejenigen profitieren, die bereits über Bildungswissen, Zeit und Ressourcen verfügen. Kinder aus bildungsferneren oder belasteten Familien wären die Verlierer. Damit würde sich ein bestehendes Problem verschärfen: In Deutschland hängt Bildungserfolg noch immer zu stark von der Herkunft ab.
Die Schulpflicht ist deshalb nicht das Gegenteil von Freiheit. Sie ist die Grundlage dafür, dass jedes Kind das Recht auf Bildung tatsächlich wahrnehmen kann.
Aus Sicht einer Schulleiterin kann ich politische Programme, die die Schulpflicht einschränken wollen, nicht unterstützen. Denn eine starke Gesellschaft braucht starke Schulen als Lernort, als Lebensort und als Schutzraum für alle Kinder.




