Aktuelle Position: 

CHANCENGLEICHHEIT HEISST AUCH: DIE LEISTUNGSSTARKEN STÄRKEN

Bil­dungs­ge­rech­tig­keit wird in der öffent­li­chen Debat­te oft ein­sei­tig ver­stan­den: als Aus­gleich nach unten. Dabei gerät aus dem Blick, dass auch leis­tungs­star­ke und beson­ders begab­te Schü­le­rin­nen und Schü­ler ein Recht auf ange­mes­se­ne För­de­rung haben. Wer ernst­haft von Chan­cen­ge­rech­tig­keit spricht, darf die­se Grup­pe nicht aus­klam­mern.

Die Zah­len spre­chen eine deut­li­che Spra­che: In Ber­lin stan­den für das neue Schul­jahr im Sep­tem­ber 26 rund 3.600 Anmel­dun­gen für den Über­gang in die 5. Klas­sen etwa 2.300 Plät­zen gegen­über. Auch am Otto-Nagel-Gym­na­si­um zeigt sich Jahr für Jahr eine kla­re Über­nach­fra­ge, obwohl wir im nächs­ten Schul­jahr drei 5. Klas­se anstel­le von zwei ein­rich­ten wer­den. Vie­le Kin­der wei­sen ihre beson­de­re Eig­nung nach und erhal­ten den­noch kei­nen Platz. Das ist kein Rand­phä­no­men, son­dern ein struk­tu­rel­les Defi­zit.

Frü­he För­de­rung ist kein Pri­vi­leg, son­dern eine Not­wen­dig­keit. Bega­bung ent­fal­tet sich nicht von allein. Sie braucht geziel­te Ange­bo­te, intel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung und ein Lern­um­feld, das mit­hal­ten kann. Wer die­se För­de­rung ver­wei­gert oder begrenzt, ver­schenkt Poten­zia­le – zum Nach­teil der ein­zel­nen Kin­der und letzt­lich auch unse­rer Gesell­schaft.

Es stellt sich daher eine grund­le­gen­de Fra­ge: War­um defi­nie­ren wir Bil­dungs­ge­rech­tig­keit fast aus­schließ­lich über das gemein­sa­me Ler­nen in hete­ro­ge­nen Grup­pen? Unbe­strit­ten ist, dass die­se Form des Ler­nens wich­ti­ge sozia­le Kom­pe­ten­zen stärkt. Eben­so unbe­strit­ten ist jedoch, dass kogni­ti­ves Ler­nen in homo­ge­nen Lern­grup­pen nach­weis­lich effek­ti­ver sein kann.

Ein leis­tungs­fä­hi­ges Bil­dungs­sys­tem muss bei­des leis­ten: gemein­sa­mes Ler­nen dort, wo es sinn­voll ist – und dif­fe­ren­zier­te, auch leis­tungs­be­zo­ge­ne Ange­bo­te dort, wo sie not­wen­dig sind. Bil­dungs­ge­rech­tig­keit bedeu­tet nicht Gleich­ma­che­rei, son­dern pass­ge­naue För­de­rung.

Wer das ernst nimmt, muss auch bereit sein, Struk­tu­ren zu schaf­fen, die der Rea­li­tät gerecht wer­den: mehr Plät­ze, mehr Pro­gram­me, mehr Mut zur Dif­fe­ren­zie­rung. Alles ande­re bleibt ein Anspruch, der an der Wirk­lich­keit vor­bei geht.

D. Wolf­ram-Gagel
Schul­lei­tung