Zwischen Schiefertafel und Künstlicher Intelligenz
Als am 9. Oktober 1911 die neue Gemeindeschule in der heutigen Schulstraße 11 eröffnet wurde, muss in Biesdorf Aufbruchstimmung geherrscht haben. Kinder standen geschniegelt auf dem Schulhof, Gemeindevorsteher hielten Ansprachen, neugierige Anwohner bestaunten das neue, große Schulgebäude.
Die alte Dorfschule am Anger war längst zu klein geworden. Immer mehr Familien zogen nach Biesdorf, die Zahl der Schulkinder stieg rasant an. So entwarf der Lichtenberger Architekt, Paul Tarruhn, der u. a. auch an den Schulbauten in Kaulsdorf und Mahlsdorf mitwirkte, eine für damalige Verhältnisse moderne Bildungseinrichtung: mit ausreichend Platz für mehrere Klassen, breiten Fluren und einer eigenen Turnhalle.
Unterricht in Zeiten von Krieg und Ressourcenmangel
Doch schon kurz nach ihrer Eröffnung wurde die Schule von den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts eingeholt. Während des Ersten Weltkriegs wurden Lehrer zum Militär eingezogen, Unterrichtsmaterialien wurden knapp. Zeitweise schrieben Kinder wieder auf Schiefertafeln, weil Papier kaum verfügbar noch bezahlbar war.
Während der Märzkämpfe 1919 besetzten Soldaten das Schulgebäude. Unterricht war wochenlang unmöglich. Erst Ende Mai kehrten die Kinder zurück in ihre Klassenräume. Inzwischen war aus dem Deutschen Kaiserreich eine junge Demokratie geworden, die neue Schwerpunkte in der Bildung setzte: Selbständigkeit und Chancengleichheit ersetzten die oft streng militärische “Untertanenerziehung” der kaiserlichen Monarchie.
Biesdorf wächst und die Schule wächst mit
1920 wurde Biesdorf in Groß-Berlin eingemeindet. Die Schule erhielt die Bezeichnung “31. Gemeindeschule (Volksschule) Berlin-Lichtenberg” und platzte bald wieder aus allen Nähten. 1928/29 wurde sie erweitert.
Mit dem Hinzufügen eines weiteren Flügels entstand ein prächtiger Anbau, in dem auch erstmals Fachräume eingerichtet werden konnten. Von 307 Schülerinnen und Schülern im Jahr 1930 verdreifachte sich die Anzahl der Lernenden auf fast 1.000 im Jahr 1935. Gelernt wurde in Jungen‑, Mädchen- und gemischten Klassen vom 1. bis zum 8. Jahrgang.
Vom Luftschutzkeller zum Lichtspielhaus
Der Zweite Weltkrieg machte die Biesdorfer Schule endgültig zu einem zentralen Anlaufpunkt für die Gemeinde. Die Kellerräume wurden zu Luftschutzräumen und Notlazaretten für Anwohner und Militär umgebaut. 1944 wurde der reguläre Schulbetrieb gänzlich eingestellt und erst im Juni 1945 peu à peu wieder aufgenommen: Unterricht fand zunächst im Freien statt, später in notdürftig hergerichteten Räumen.
Auch in den Nachkriegsjahren war die Schule weit mehr als ein Bildungsort. Weil Biesdorf nach den Bombardierungen keinen Kinosaal mehr hatte, wurde die Turnhalle kurzerhand zum Lichtspielhaus umfunktioniert. Später, während der Währungsreform 1948, diente dieselbe Halle als Wechselstube und anschließend sogar als Kornspeicher.
Otto Nagel wird Namensgeber und Vorbild
Mit der Gründung der DDR wandelte sich auch das Bildungssystem noch einmal grundlegend. Aus der Volksschule wurde eine zehnklassige polytechnische Oberschule (POS). Der Unterricht sollte nun stärker auf praktische Berufe und gesellschaftliche Aufgaben im sozialistischen System vorbereiten.
1969 erhielt die Biesdorfer Schule schließlich auch ihren heutigen Namen: Otto Nagel-Oberschule. Der im Naziregime verbotene Maler, der als sozialkritischer Chronist des Berliner Arbeiterlebens bekannt war und in Biesdorf lebte, wurde Namensgeber und prägt bis heute das Werteleitbild der Schule: Mit Leidenschaft, Respekt, Engagement und Verantwortung für eine weltoffene Gesellschaft.
Heute stehen Zukunftskompetenzen im Fokus
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Biesdorfer Schule 1991 schließlich zu einem Gymnasium mit westdeutschen Bildungsstandards. Heute, in seinem 35. Jubiläumsjahr als Gymnasium, steht die Schule für eine moderne, zukunftsorientierte Bildung, die Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Stadtgebiet anzieht.
Aus der einstigen Gemeindeschule ist ein moderner Schulcampus geworden. Zwei Sporthallen, ein Bolzplatz, Spiel- und Bewegungsflächen, ein eigener Schulklub sowie ein moderner modularer Ergänzungsbau bieten Raum für Lernen, Begegnung und Freizeit.
In ihrem Selbstverständnis als progressiver, engagierter und gemeinschaftsbildender Lernort setzt die Schule bewusst Schwerpunkte in den Bereichen Digitalisierung, Demokratiebildung und gesellschaftliches Engagement. Projekte zur Erinnerungskultur und zum internationalen Austausch prägen den Schulalltag ebenso wie Zukunftsfragen rund um Künstliche Intelligenz, Medienkompetenz und den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien.
Ein Stück Biesdorfer Identität
Viele Menschen im Bezirk verbinden persönliche Erinnerungen mit der Schule in der Schulstraße 11. Generationen sind hier ein- und ausgegangen: als Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte oder Eltern.
So ist die Schule heute mehr denn je ein fester Bestandteil des Kiezes. Sie erzählt von den Veränderungen eines Ortes, von verschiedenen politischen Systemen, gesellschaftlichen Umbrüchen und davon, wie Bildung im 21. Jahrhundert neu gedacht wird.
Die Bundesfreiwilligen







