Der Philosoph des Monats Mai und Juni
Bald beginnt die Fußball-WM in Kanada, den USA und Mexiko: erstmals mit 48 Ländern und 104 Spielen. Doch was hat Fußball mit Philosophie zu tun?
Gunter Gebauer zeigt: Fußball ist mehr als Unterhaltung. Für ihn ist er kulturelle Praxis, Ritual und Ausdruck menschlichen Handelns. In seinem Buch „Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs“ beschreibt er Fußball als Zusammenspiel von Körper, Regeln, Emotionen, Gemeinschaft und Bedeutung.
Gebauer, geboren 1944 in Kiel, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Linguistik und Sportwissenschaft. Er lehrt an der Freien Universität Berlin und erhielt 2018 den Ethikpreis des Deutschen Olympischen Sportbundes.
Zentral bei Gebauer: Fußball ist ein Spiel mit festen Regeln, aber voller Freiheit, Kreativität und Überraschung. Spieler handeln nicht wie Maschinen. Sie reagieren körperlich, intuitiv und taktisch. Ihr Können steckt oft im Körper, bevor es bewusst erklärt werden kann. Fußball zeigt damit: Denken ist nicht nur Kopfsache.
Auch Fans sind wichtig. Sie deuten Spiele, feiern Helden, trauern über Niederlagen und schaffen Zugehörigkeit. Vereine stehen für Städte, Regionen, Milieus oder Nationen. So wird Fußball zu einem Spiegel der Gesellschaft.
Gebauer sieht Fußball zudem als modernes Ritual: Spieltage, Gesänge, Farben, Gesten und gemeinsame Gefühle unterbrechen den Alltag. Hoffnung, Angst, Jubel und Enttäuschung werden öffentlich geteilt.
Dabei romantisiert er Fußball nicht. Kommerz, Medienmacht, teure Tickets, nationale Leidenschaften und soziale Konflikte gehören ebenfalls dazu. Gerade deshalb bleibt Fußball philosophisch interessant (spannend ist sicherlich in diesem Zusammenhang, dass sich viele Fan-Gruppen in Deutschland aktuell gegen den DFB positionieren, nicht nur weil die Fußball Tickets für die Fans viel zu teuer sind).
Für Gebauer ist Fußball ein Modell menschlicher Kultur: Regeln ermöglichen Freiheit, Körper erzeugen Sinn, Rituale stiften Gemeinschaft. Wer Fußball versteht, versteht auch etwas über den Menschen.
Und am Ende bleibt die große Frage: Wer wird Weltmeister?
U. Scholz, FB Ethik




