Ein Kunst-Grundkurs erlebt den Dekonstruktivismus
Am 29.05.2026 machte sich unser Kunst-Grundkurs auf den Weg in das Jüdische Museum Berlin. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2001 zählt es zu den herausragenden Institutionen der europäischen Museumslandschaft und ist eines der größten jüdischen Museen Europas. Seine Ausstellungen vermitteln die Geschichte der Juden in Deutschland sowie jüdischeKultur bis in die Gegenwart. Doch unser Ziel waren nicht die historischen Fakten, sondern die beeindruckende Architektur der Raumkonzepte des Dekonstruktivismus und ihre architektonische Wirkung.
Das Jüdische Museum Berlin besteht im Wesentlichen aus zwei Gebäuden, die durch das
Untergeschoss miteinander verbunden sind: dem barocken Altbau des Kollegienhauses und dem spektakulären zickzackförmigen Neubau von Daniel Libeskind, einem Meisterwerk des Dekonstruktivismus. Libeskinds Idee war es, die jüdische Geschichte in Deutschland nicht durch eine chronologische Ausstellung, sondern durch eine eindringliche architektonische Formensprache sinnlich erfahrbar zu machen.
Bereits beim ersten Anblick der Außenfassade wird deutlich: Hier wurden alle klassischen Regeln der Baukunst gebrochen. Keine rechten Winkel, keine Symmetrie, keine Harmonie.
Stattdessen:
Verzerrung, Schräglagen und scheinbare Zersplitterung. Der zickzackförmige Bau erinnert an einen zerrissenen Davidstern und wirkt bereits von außen ungewöhnlich und verstörend. Mit seiner Titan-Zink-Fassade, den ungewöhnlich geformten, scharf eingeschnittenen Fenstern sowie vielen spitzen Winkeln und Linien in den Wänden zieht er die Aufmerksamkeit sofort auf sich.
Durch den Eingangsbereich im Altbau gelangten wir über eine schwarze Schiefertreppe in das Untergeschoss des Neubaus. Dort begann eine völlig andere Raumerfahrung. Schon nach wenigen Schritten verlor man das Gefühl für Orientierung. Die geneigten Böden, die vielen spitzen Winkel in den scheinbar einstürzenden Wänden und die nur spärlich beleuchteten Räume erzeugten eine Atmosphäre, die gleichzeitig faszinierte und verunsicherte. Man merkte schnell, dass hier die Architektur selbst eine Geschichte erzählt. Es schien, als beträte man eine andere Welt — kahl, kalt, beklemmend.
Zentrales Element des Baus sind die drei sich kreuzenden schiefen Achsen im Untergeschoss, die drei wesentliche Wege jüdischen Lebens in Deutschland symbolisieren — die „Achse der Kontinuität“, die „Achse des Exils“ und die „Achse des Holocaust“. Die „Achse des Holocaust“ endet am „Holocaust-Turm“. Der hohe Betonraum ist kalt und dunkel. Nur eine winzige Spalte weit oben in der Decke lässt Tageslicht hinein. Obwohl der Raum keinerlei historische Gegenstände enthält, entstand bei vielen von uns ein Gefühl der Beklemmung und Isolation. Die Stille wirkte beinahe greifbar und ließ uns für einen Moment innehalten. Eine in etwa zweieinhalb Metern Höhe für Wartungsarbeiten angebrachte Leiter, die bis zur Decke führt, erschien wie ein Rettungsweg oder ein Symbol für das Unerreichbare. Die „Achse des Exils“ führte uns aus dem Gebäude hinaus in den nicht weniger beeindruckenden „Garten des Exils“, eine tiefer liegende quadratische Fläche, deren Betonmauern die Sicht in die Umgebung verhindern. Auf den ersten Blick wirkte der Garten schlicht, doch sobald man ihn betritt, verändert sich die Wahrnehmung. Aufgrund des schiefen Bodens gerät man leicht ins Taumeln. Die 49 sechs Meter hohen Betonstelen, auf denen Ölweiden gepflanzt sind, versperren die Sicht und erschweren die Orientierung.
Während wir zwischen ihnen hindurchgingen, konnten wir zumindest ansatzweise nachvollziehen, was es bedeutet, die vertraute Umgebung zu verlieren und sich fremd, verloren und unsicher zu fühlen.
Im Museumsneubau gibt es mehrere sogenannte „Voids“, gänzlich leere Räume, die sich auf einer geraden Linie angeordnet durch den gesamten Zickzackbau ziehen. Sie sind mit Ausnahme des „Memory Voids“ von der Dauerausstellung aus nicht begehbar, von manchen Stellen aus aber einsehbar. Die „Voids” erinnern an die physische Leere, die der Holocaust, aber auch die Vertreibungen und Pogrome, denen Juden in den Jahrhunderten zuvor in Deutschland zum Opfer fielen, hinterlassen haben.
Einen besonderen Eindruck hinterließ die „Memory Void“. Der fensterlose, karge Betonraum ist vollständig mit der Installation „Schalechet“ („Gefallenes Laub“) des israelischen Künstlers Menashe Kadishman bedeckt. Über 10.000 schwere, runde Eisenplatten, in die grob Gesichter mit aufgerissenen Mündern geschnitten wurden, liegen auf dem Boden. Die Installation ist allen Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet. Wer den Raum durchqueren möchte, muss über die Metallgesichter laufen. Das dabei entstehende metallische Scheppern hallt durch den gesamten Raum und erzeugt eine bedrückende, aufrüttelnde Atmosphäre. Die meisten von uns empfanden diesen Ort als den emotionalsten Moment des Museumsbesuchs.
Zum Abschluss besuchten wir den Glashof, ein weiteres Architekturhighlight. Das Glasdach, das den U‑förmigen, 670 Quadratmeter großen Innenhof des Altbaus überdeckt, wird von vier frei stehenden Stützenbündeln aus Stahl getragen, die sich am Modell einer Laubhütte orientieren. Wie Bäume ragen sie in den Himmel, das Dach auf ihren Kronen tragend. Hier war es hell, weit und offen. Nach den engen, dunklen und schrägen Räumen des Neubaus wirkte dieser Ort wie eine Befreiung — wie ein tiefer Atemzug.
Nach der Besichtigung mussten wir die architektonische Wirkung in Zeichnungen umsetzen. Dafür wählte jeder von uns zwei Orte im Museum aus, die eine besonders intensive Wirkung auf uns hatten, und skizzierten sie. Es entstanden zahlreiche Zeichnungen vom „Garten des Exils“, vom „Holocaust-Turm“ und vor allem von der „Memory Void“. Dieser Ausflug hat uns gezeigt, dass Architektur weit mehr sein kann als nur das Errichten von Gebäuden. Sie kann eine universelle Sprache sein, die ohne Worte auskommt und Geschichte räumlich erfahrbar macht. Architektur kann Gefühle hervorrufen, Erinnerungen bewahren und zum Nachdenken anregen. Diese besondere Erfahrung wird uns sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben.
Ein solcher Ausflug organisiert sich natürlich nicht von selbst. Deshalb möchten wir uns ganz herzlich bei Frau Michel bedanken, die diesen inspirierenden und lehrreichen Tag überhaupt erst für uns möglich gemacht und geplant hat. Ein ebenso großes Dankeschön geht an Herrn Vasos, der uns auf diesem Weg begleitet und den Kurs vor Ort unterstützt hat.
Evelyn Luise Schindel, Q2







