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Geschichte am Ort: Die 10.5 in der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Besuch eines ehemaligen Gefängnisses des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR

Wie fühl­te es sich an, in der ehe­ma­li­gen DDR aus poli­ti­schen Grün­den inhaf­tiert zu sein? Die­ser Fra­ge ging die Klas­se 10.5 bei ihrem Besuch in der Gedenk­stät­te Ber­lin-Hohen­schön­hau­sen, dem ehe­ma­li­gen zen­tra­len Unter­su­chungs­ge­fäng­nis des Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, nach. Beson­ders ein­drucks­voll war, dass die Füh­rung von Mario Röl­lig über­nom­men wur­de, der hier selbst 1987 inhaf­tiert war, nach­dem sein Flucht­ver­such aus der DDR geschei­tert war.

Schon beim Betre­ten der Anla­ge wur­de uns bewusst, dass die­ser Ort weit mehr ist als ein his­to­ri­sches Gebäu­de. Er steht für per­sön­li­che Schick­sa­le und ein Sys­tem der Über­wa­chung, Ein­schüch­te­rung und Kon­trol­le. Mario Röl­lig berich­te­te ein­drück­lich von sei­ner Haft­zeit und führ­te die Schü­le­rin­nen und Schü­ler durch ver­schie­de­ne Berei­che der ehe­ma­li­gen Haftanstalt.

Beson­ders bedrü­ckend war der Besuch im Kel­ler­be­reich, dem soge­nann­ten „U‑Boot“. In die­sen Zel­len wur­den Gefan­ge­ne bis in die 1950er Jah­re unter extre­men Bedin­gun­gen fest­ge­hal­ten: sti­cki­ge Luft, üble Gerü­che, kaum Schlaf, Hun­ger und völ­li­ge Iso­la­ti­on bestimm­ten den All­tag. Matrat­zen gab es häu­fig nicht, Klei­dung muss­te not­dürf­tig zweck­ent­frem­det wer­den, sogar als Ersatz für Toi­let­ten­pa­pier. Licht wur­de gezielt ein­ge­setzt, um Gefan­ge­ne immer wie­der zu wecken. Schlaf­ent­zug, stren­ge Vor­schrif­ten beim Lie­gen oder Sit­zen sowie stän­di­ge Kon­trol­len soll­ten die Men­schen psy­chisch an ihre Gren­zen brin­gen. Vie­le Gefan­ge­ne lit­ten beson­ders unter der Unge­wiss­heit über das Schick­sal ihrer Fami­li­en, die vom Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit gezielt als Druck­mit­tel genutzt wurden.

Herr Röl­lig schil­der­te ein­drucks­voll das Gefühl des völ­li­gen Aus­ge­lie­fert­seins. Die Gefan­ge­nen waren kei­ne Per­so­nen mehr, son­dern nur noch Num­mern – sei­ne Zel­le trug die Num­mer 328. Gesprä­che mit ande­ren Häft­lin­gen waren unmög­lich, Begeg­nun­gen wur­den sys­te­ma­tisch ver­hin­dert. Ein Ampel­sys­tem zeig­te an, wenn der Gang besetzt war, sodass sich Gefan­ge­ne nie begeg­nen konn­ten. Selbst kur­ze Hof­gän­ge fan­den unter stren­ger Kon­trol­le auf engem Raum statt. Der Blick nach oben war eigent­lich ver­bo­ten – den­noch schau­te Mario Röl­lig ein­mal zum Him­mel und sah Flug­zeu­ge. Für ihn wur­de die­ser Moment zu einem Hoff­nungs­schim­mer: der Traum, eines Tages selbst in einem Flug­zeug zu sit­zen und frei rei­sen zu können.

Die Metho­den in der Haft­an­stalt ziel­ten häu­fig weni­ger auf offe­ne kör­per­li­che Gewalt als auf psy­cho­lo­gi­sche Zer­mür­bung: grel­les oder fla­ckern­des Licht, Hit­ze im Som­mer, stren­ge Regeln beim Sit­zen und Lie­gen sowie stän­di­ge Beob­ach­tung – selbst in den intims­ten Momen­ten. „Weh­tun, ohne anzu­fas­sen“, beschrieb Mario Röl­lig die­se Form der see­li­schen Folter.

Der Zeit­zeu­ge berich­te­te auch über das Sys­tem hin­ter der Haft­an­stalt. Ver­hör­of­fi­zie­re waren psy­cho­lo­gisch geschult, um Gefan­ge­ne, die kei­nen Anspruch auf recht­li­chen Bei­stand hat­ten, gezielt unter Druck zu set­zen. Vie­le Men­schen arbei­te­ten für das Sys­tem – teil­wei­se wur­den bereits Jugend­li­che in der Schu­le ange­wor­ben, um Berich­te über Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­ler oder Lehr­kräf­te zu schrei­ben. Exak­te Opfer­zah­len sind bis heu­te schwer zu bestim­men. In man­chen Fäl­len wur­den Todes­ur­sa­chen ver­schlei­ert, etwa durch gefälsch­te Toten­schei­ne.

Für Mario Röl­lig ende­te die Haft nach neun Mona­ten und neun Tagen: Er wur­de schließ­lich für 90.000 D‑Mark frei­ge­kauft und in den Wes­ten „auf Bewäh­rung“ ent­las­sen. Den­noch habe die Haft sein Leben dau­er­haft ver­än­dert, berich­te­te er den Schü­le­rin­nen und Schü­lern – die Unbe­schwert­heit von frü­her sei ver­lo­ren gegan­gen. Nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung kam es 1999 zufäl­lig zu einem Wie­der­se­hen mit sei­nem dama­li­gen Ver­hör­of­fi­zier, der jedoch kei­ner­lei Reue zeig­te und sei­ne dama­li­gen Hand­lun­gen wei­ter­hin recht­fer­tig­te, indem er laut­stark zu brül­len anfing.

Bis heu­te spürt Mario Röl­lig die Fol­gen sei­ner Zeit in Hohen­schön­hau­sen. Manch­mal wacht er nachts auf und denkt, er müs­se – wie damals vor­ge­schrie­ben – auf dem Rücken lie­gen, um kei­ne Stra­fe zu ris­kie­ren. Neben sei­nem Geburts­tag fei­ert er heu­te jedes Jahr auch den Tag sei­ner Ent­las­sung als zwei­ten Geburts­tag.

„Hei­mat ist für mich mein Freun­des­kreis und mei­ne Fami­lie – aber kein Ort mehr“ 

Der Besuch mach­te deut­lich, wie wich­tig Erin­ne­rung und Auf­ar­bei­tung der Geschich­te sind. Für die Klas­se 10.5 war es eine ein­drucks­vol­le Erfah­rung, Geschich­te nicht nur aus dem Lehr­buch ken­nen­zu­ler­nen, son­dern sie durch die per­sön­li­che Begeg­nung mit einem Zeit­zeu­gen unmit­tel­bar zu erle­ben. Wir sind Mario Röl­lig sehr dank­bar, dass er sei­ne Erfah­run­gen so offen mit uns geteilt hat und sich seit 28 Jah­ren für die Erin­ne­rungs­ar­beit in der Gedenk­stät­te einsetzt.

Jan­nis Koll
im Auf­trag von Frau Kind­ling und der Klas­se 10.5

Eindrücke des Rundgangs