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Ausstellung: Werte, Weitergabe, Solidarität

Der Leistungskurs Kunst im Schuljahr 2023/​24

Werte. Weitergabe. Solidarität.

Der Leis­tungs­kurs Kunst von Frau Wolf­ram-Gagel tauch­te in Vor­be­rei­tung der Aus­stel­lung „Wer­te, Wei­ter­ga­be, Soli­da­ri­tät“ tief in die Wer­te unse­res Namens­ge­bers ein und reflek­tier­te, inwie­weit die­se Wer­te in unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft fort­be­stehen. Beson­ders rück­te dabei der Wert der Soli­da­ri­tät in den Fokus.

Unse­re Kunst­schaf­fen­den haben sich mit den Fra­gen: „Was bedeu­tet Soli­da­ri­tät?“, „Ist Soli­da­ri­tät eine Ver­pflich­tung?“ und „Wie lässt sich Soli­da­ri­tät künst­le­risch aus­drü­cken?“ aus­ein­an­der­ge­setzt. Sie haben recher­chiert, ihre Fami­li­en und Freun­de inter­viewt und ganz indi­vi­du­el­le Gra­fi­ken, Male­rei­en und Fotos geschaffen.

Selin im Interview mit ihrem Vater

Selin Hakmetova: Mein Vater, Acryl, 40 x 29,5cm

Herz­lich will­kom­men Papa. Es ist groß­ar­tig, dass du dich bereit erklärt hast, ein paar Fra­gen zu beant­wor­ten. Ich weiß, dass du eine rei­che Lebens­ge­schich­te hast und vie­len Dank, dass du dich bereit erklärt hast, offen über die­se zu reden. Stell dich erst­mal vor. Wer bist du? Wo kommst du her und was machst du beruflich?

Ich hei­ße Osman, bin dein Papa. Bin 49 Jah­re alt und in Bul­ga­ri­en gebo­ren. Ich arbei­te seit vie­len Jah­ren in der Gas­tro­no­mie im Familienbetrieb.

Wie­so bist du nach Deutsch­land gekom­men und wie lan­ge bist du schon hier?

Der Grund ist ehr­lich gesagt lus­tig. Ich woll­te unbe­dingt mein Traum­au­to kau­fen. Die­ses gab’s aber damals nur in Deutsch­land und im kom­mu­nis­ti­schen Bul­ga­ri­en nicht. Des­halb sind mein bes­ter Freund und ich nach Deutsch­land und haben uns bei­de unser Traum­au­to gekauft, wel­ches ich übri­gens immer noch besit­ze. Ja, seit dem bin ich hier.

Was ist der wich­tigs­te Wert für dich, wel­chen du auch an mich, als dei­ne Toch­ter wei­ter­ge­ben möch­test? Und inwie­fern spielt der Wert der Arbeit eine Rolle?

Fami­lie ist für mich der wich­tigs­te Wert. Und das habe ich dir auch ver­sucht wei­ter­zu­ge­ben. Du soll­test wis­sen, dass dei­ne Fami­lie jeder­zeit für dich da ist und wir immer zusam­men­hal­ten. Ich habe mit dei­ner Mut­ter zusam­men alles dafür getan, damit du weißt, dass du uns ver­trau­en kannst und du uns als dei­ne Bezugs­per­so­nen siehst. In dei­ner Erzie­hung haben wir dich immer dar­auf hin­ge­wie­sen, wie wich­tig Respekt ist. Respekt vor dei­nen Eltern, aber auch allen ande­ren Per­so­nen, sei es vor dei­nen Mit­schü­lern, Leh­rern oder Fremden.

Nun in den letz­ten Jah­ren hast du, den­ke ich, auch mit­be­kom­men, wie wich­tig Arbeit ist. Nach mei­ner Mei­nung ist es sogar lebens­not­wen­dig, einen Beruf zu fin­den, der zu dir passt. Wenn jemand in einem Job arbei­tet, der kein Spaß macht und man nicht zufrie­den ist, dann wird man kein glück­li­ches Leben füh­ren. Zudem muss der Job dich so finan­zi­ell absi­chern, dass du gut um die Run­den kommst. Und genau das wird immer schwe­rer, des­halb muss man sich vie­le Gedan­ken machen über die Berufs­wahl, aber auch über die Qua­li­fi­ka­tio­nen, die man braucht.

Ich hof­fe du weißt, dass der Wert der Fami­lie auch für mich der wich­tigs­te Wert über­haupt ist. Aus die­sem Grund habe ich mich dazu ent­schie­den, dich zu malen. In mei­nem Werk stehst du im Fokus. Du auf der Arbeit. Du hast dei­ne Hei­mat ver­las­sen und arbei­test seit so vie­len Jah­ren so hart um unse­rer Fami­lie ein gutes Leben zu ermög­li­chen. Das Wort „Dan­ke“ wür­de nicht aus­rei­chen, um mich bei dir zu bedan­ken. Ich möch­te dei­ne Geschich­te erzäh­len. Und ich hof­fe, das gelingt mir mit mei­nem Bild. Das Bild zeigt dich im Vor­der­grund, wie du erschöpft, aber auch etwas trau­rig nach unten guckst und somit kein Blick­kon­takt mit dem Betrach­ter hast. Die Far­ben sind nicht leben­dig und fröh­lich. Die getrüb­ten Grün-/Blau­tö­ne sol­len dei­ne Erschöp­fung ver­deut­li­chen. Und das Fens­ter im Hin­ter­grund soll die Außen­welt dar­stel­len. Du sehnst dich nach drau­ßen, in die Natur, doch lei­der bist du auf der Arbeit gefan­gen und hast nicht die Mög­lich­keit, von der Arbeit zu flie­hen.
Ver­spürst du manch­mal die Gefüh­le von Erschöp­fung und Sehn­sucht, die ich ver­sucht habe dar­zu­stel­len? Sehnst du dich in die Außen­welt oder sogar nach dei­ner Heimat?

Natür­lich bin ich manch­mal erschöpft und habe Sehn­sucht nach mei­ner Hei­mat. Und die­se Gefüh­le wer­den immer stär­ker, je älter ich wer­de. Ich bin schon so vie­le Jah­re fern von mei­ner Fami­lie und mei­ner Hei­mat, des­halb wird es auch immer schwe­rer für mich, mich nicht nach mei­ner Hei­mat zu seh­nen. Was mir auch sehr schwer fällt ist, dass nicht nur ich älter wer­de, son­dern auch all mei­ne Freun­de und Ver­wand­te in mei­ner Hei­mat, die ich so sel­ten sehe. Und zu wis­sen, dass die meis­ten bald nicht mehr da sind, lässt mei­ne Sehn­sucht mehr wach­sen. Aber ich kann nicht ein­fach von der Arbeit flie­hen, schließ­lich habe ich noch ein paar Jah­re Arbeit vor mir.

Was bedeu­tet „Hei­mat“ für dich?

Hei­mat ist für mich der Ort, in dem sich mein Herz zuhau­se fühlt. Mei­ne Erin­ne­run­gen woh­nen in den Wän­den mei­nes Eltern­hau­ses, wo mei­ne Lebens­ge­schich­te ange­fan­gen hat. Jedes Mal, wenn ich wie­der in Bul­ga­ri­en bin, ent­steht bei mir ein Gefühl der Ver­bun­den­heit, das durch mei­ne Fami­lie, Freun­de und Tra­di­tio­nen geformt wird. Ich wer­de mich immer mit mei­nem Hei­mat­land ver­bun­den füh­len und Sehn­sucht ver­spü­ren, denn es ist der Ort, der mir mei­ne Iden­ti­tät und das Gefühl der Zuge­hö­rig­keit verleiht.

War es schwer für dich, dei­ne Hei­mat und somit auch dei­ne Fami­lie zu ver­las­sen? Ist die Sehn­sucht nach dei­ner Hei­mat groß?

Ja, es war extrem schwer für mich, mei­ne Hei­mat zu ver­las­sen. Der Abschied von mei­ner Fami­lie war schmerz­haft, und die Sehn­sucht nach mei­ner Hei­mat ist stän­dig da. Die Erin­ne­run­gen an mei­ne Hei­mat sind wie ein stän­di­ger Beglei­ter, und die Sehn­sucht ver­stärkt sich, wenn ich an die Men­schen und die Kul­tur den­ke, die ich zurück­ge­las­sen habe.

Wel­che Vor­stel­lun­gen hat­test du von Arbeit in Deutsch­land? Haben sie sich von dei­nem Leben und dei­ner Arbeit in Bul­ga­ri­en unterschieden?

Also, als ich nach Deutsch­land kam, woll­te ich nicht für immer blei­ben. Ich woll­te nur kurz nach Ber­lin, um mein Auto zu kau­fen. Danach war es mein Plan, wie­der zurück in mei­ne Hei­mat zu gehen. Jedoch war das Leben in Deutsch­land viel frei­er und bes­ser, ganz anders als im dama­li­gen kom­mu­nis­ti­schen Bul­ga­ri­en. Es war kein Geheim­nis, dass Deutsch­land bes­se­re Chan­cen für eine gute Zukunft hat­te. Die dama­li­ge bul­ga­ri­sche kom­mu­nis­ti­sche Par­tei hat­te die poli­ti­sche Kon­trol­le über alle Lebens­be­rei­che. Man konn­te nicht ein­fach sei­ne Mei­nung sagen und das öffent­li­che Leben wur­de streng über­wacht. Manch­mal war unser All­tag geprägt von Män­geln, vom begrenz­ten Zugang zu Lebens­mit­teln. Aber auch ich, als jemand mit tür­ki­scher Her­kunft, litt an Dis­kri­mi­nie­rung. In mei­ner Kind­heit wur­den die Namen von tür­ki­schen Bür­gern ver­än­dert, wenn man sich gewehrt hat­te, wur­de dies mit Gewalt getan. Bei mir wur­de aus Osman dann Mar­tin. Jedoch ist Bul­ga­ri­en immer noch der Ort gewe­sen, in dem ich gebo­ren wur­de und mit den Tra­di­tio­nen ich auf­ge­wach­sen bin, trotz all der Pro­ble­me. Was mei­ne Arbeit angeht, die war kom­plett anders. In Bul­ga­ri­en hat­te ich nach­dem ich beim Mili­tär war, gelernt wie man Maschi­nen im Bahn­ver­kehr baut. In Deutsch­land jedoch habe ich in der Gas­tro­no­mie gearbeitet.

War es schwer für dich, in Ber­lin Fuß zu fas­sen und eine Arbeits­stel­le zu finden?

Klar, war es schwer für mich. Ich war in einem frem­den Land, in wel­chem ich die Spra­che nicht konn­te. Ich muss­te mein kom­plet­tes Leben ver­än­dern. Ich habe sehr, sehr lan­ge gear­bei­tet, mit kaum Pau­sen. Dank mei­nes Freun­des fand ich eine Arbeits­stel­le. Ich wohn­te mit ihm zusam­men. Eine Woh­nung zu dem Zeit­punkt konn­te ich mir allei­ne nicht leis­ten. Wäre mein bes­ter Freund damals nicht gewe­sen, hät­te ich nie­mals eine Arbeits­stel­le gefun­den. Ich hat­te zum Glück Hil­fe von mei­nem Kum­pel, und das Glück, dass es mir dann finan­zi­ell durch mei­ne Arbeit gut ging, so dass ich die Woh­nung mit­fi­nan­zie­ren konn­te. Allei­ne, ohne Unter­stüt­zung, hät­te ich es nie­mals hier in Deutsch­land geschafft zu arbei­ten und zu leben.

Wuss­test du, dass Otto Nagel genau die­se Kri­sen und Pro­ble­me in sei­nen Gra­fi­ken dar­ge­stellt hat? Nagel por­trä­tier­te häu­fig Arbei­ter in ver­schie­de­nen Beru­fen und Lebens­si­tua­tio­nen. Er ver­such­te, ihre har­te Arbeit, ihre Lebens­be­din­gun­gen und ihren Kampf für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen zu zei­gen. In vie­len sei­ner Wer­ke beton­te Nagel den Wert der Soli­da­ri­tät und Gemein­schaft der Arbei­ter. Nagels Kunst dien­te als Mit­tel der Kri­tik von sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten. Er zeig­te oft die Aus­wir­kun­gen von Arbeits­lo­sig­keit, Armut und poli­ti­scher Unter­drü­ckung. Zudem por­trä­tier­te Nagel auch Migran­ten. In der Wei­ma­rer Repu­blik ging es Migran­ten finan­zi­ell sehr schlecht. Migran­ten lit­ten mehr an sozia­len Kri­sen wie die der Armut. Es war schwie­ri­ger für sie über­haupt Arbeit zu fin­den. Sie hat­ten kei­ne Arbeits­er­laub­nis, sie wur­den im Land nur gedul­det und erhiel­ten kei­ne sozia­len Unterstützungen.

Hast du Dis­kri­mi­nie­rung erfahren?

Ja, in mei­nen ers­ten Jah­ren als ich ihn Deutsch­land war, muss­te ich mir ab und zu Kom­men­ta­re anhö­ren. Sei es über mein Aus­se­hen, mei­ne Her­kunft oder mei­nen Akzent. Manch­mal wur­de ich nicht ernst genom­men oder ignoriert.

Glaubst du, dass die Schwie­rig­kei­ten, die Migran­ten damals hat­ten, sich in die deut­sche Kul­tur und Arbeits­welt zu inte­grie­ren, auch heu­te noch rele­van­te The­men sind?

Ja. Sich in ein frem­des Land zu inte­grie­ren ist immer schwer. Man muss sein Leben kom­plett ver­än­dern. Die Spra­che muss erlernt wer­den, eine Woh­nung muss gefun­den wer­den und das Wich­tigs­te: Arbeit. Jedoch ist es heut­zu­ta­ge ein­fa­cher gewor­den als zu mei­ner Zeit. Man bekommt viel Hil­fe vom Staat. Man ist nie rich­tig auf sich allein gestellt.

Vie­len Dank, dass du dir die Zeit genom­men hast, dei­ne Gedan­ken und Erfah­run­gen zu tei­len. Das Inter­view war äußerst infor­ma­tiv, und ich schät­ze dei­ne Offen­heit. Gibt es abschlie­ßend etwas, was du mei­ner Gene­ra­ti­on mit­tei­len möchtest?

Eure Fami­li­en sind für euch immer da und wer­den euch jeder­zeit unter­stüt­zen. Und macht euch nicht so ein Stress wegen eurer Berufs­wahl. Ihr wer­det schon das Rich­ti­ge finden.

Nele im Interview mit ihrem Opa

„Ich bin Ver­tre­ter der Ansicht, dass man immer gute Leh­rer braucht, in allem — und zwar auch dann, wenn man selbst schon aus­ge­bil­det (…) ist. Man braucht immer noch sei­ne Leh­rer und ich kann­te zum Glück eine Gan­ze Men­ge davon.“

Ingo Pre­us­ker, Journalist

„Und wer nur meint gut zu sein, der wird nie ganz gut, der wird Mit­tel­maß bleiben.“

Ingo Pre­us­ker, Journalist

„Ich will nur sagen, da sind jetzt wie­der Kräf­te hoch­ge­wach­sen, die voll gegen mei­ne Grund­sät­ze ver­sto­ßen.
Ich bin ein Mensch der, die drei Grund­sät­ze der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on sehr hoch ach­tet: Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit. Alle drei Grund­sät­ze wer­den von den Rech­ten — will nicht sagen, dass die Lin­ken davon frei sind — von den extrem Rech­ten mit Füßen getreten.”

Ingo Pre­us­ker, Journalist

Mathilda im Interview mit einer Klimaaktivistin

In Vor­be­rei­tung unse­rer Aus­stel­lung „Wer­te, Wei­ter­ga­be, Soli­da­ri­tät- Wer­te­vor­stel­lun­gen von Schü­le­rin­nen und Schü­lern“ habe ich mich dazu ent­schie­den, den Kli­mak­ti­vis­mus von „Die Letz­te Gene­ra­ti­on“ zu thematisieren.

Die Sze­ne zeigt dich bei einer Stra­ßen­blo­cka­de in Ber­lin. Du sitzt auf der Stra­ße und hältst einen Ban­ner mit der Auf­schrift „Die letz­te Gene­ra­ti­on vor den Kipp­punk­ten“, dein Blick geht direkt in Rich­tung der betrach­ten­den Per­son. Wie wirkt das Bild auf dich?

Das Bild wirkt auf mich ruhig und kraft­voll und so unge­fähr war das in dem Moment auch, weil um einen her­um ist zwar irgend­wie ziem­li­ches Cha­os und es gibt Gehu­pe und Autos sind laut und
genau, man weiß halt jeden Moment nicht, was pas­siert. Aber bei uns ist es zum Glück auch ziem­lich ruhig geblie­ben. Wir wur­den nicht von der Stra­ße gezerrt oder ange­grif­fen — zumin­dest nicht kör­per­lich. Und ja, das ist ja auch so die Stim­mung, die die letz­te Gene­ra­ti­on her­vor­ru­fen möch­te. Also, die­ses: okay, wir sit­zen dort ganz ruhig und wir las­sen uns eben nicht abhal­ten in die­sem gan­zen Cha­os drum­her­um, son­dern wir sit­zen jetzt hier und ver­su­chen so unse­re For­de­run­gen durch­zu­set­zen und zu stö­ren, um den All­tag zu unter­bre­chen.
Genau, ich fin­de, dass das Bild das ziem­lich gut wiedergibt.

Wer bist du und wie bist du dazu gekom­men, dich poli­tisch bei „Die Letz­te Gene­ra­ti­on“ zu engagieren?

Ich bin 25 Jah­re alt, ich stu­die­re Bio­lo­gie und schrei­be gera­de mei­ne Bache­lor-arbeit und seit letz­tem Jahr im Mai enga­gie­re ich mich bei der „Letz­ten Gene­ra­ti­on“. Ich habe mich schon sehr lan­ge, schon als Kind bezie­hungs­wei­se als jün­ge­re Jugend­li­che, für The­men wie Nach­hal­tig­keit, Tier­rech­te und spä­ter vor allem für die dro­hen­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe inter­es­siert und woll­te mich dahin­ge­hend ein­set­zen. Das habe ich erst­mal im eige­nen Umfeld gemacht. Ich habe mein
eige­nes Ver­hal­ten ganz stark geän­dert, war bei Demos dabei, habe Peti­tio­nen unter­schrie­ben, die­se gan­zen typi­schen Sachen.
Irgend­wann hat das nicht mehr gereicht und es hat mich sehr frus­triert und ich dach­te, okay, irgend­wie muss man doch noch mehr machen kön­nen. Und zu dem Zeit­punkt letz­tes Jahr habe ich die „Letz­te Gene­ra­ti­on“ schon ein biss­chen län­ger ver­folgt und fand den Umgang der Gesell­schaft mit die­ser Bewe­gung immer unge­rech­ter — und die­ses popu­lis­ti­sche Ver­hal­ten, was gegen sie ein­ge­setzt wur­de. Sie wie so eine Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on behan­delt wur­de und ich dach­te, mich schreckt das nicht ab. Ich dach­te eher: „Ich fin­de das so unfair.“ Ich möch­te unter­stüt­zen, weil ich den Sinn dahin­ter sehe und dann fing
ich an, mich ein biss­chen mehr zu infor­mie­ren. Ich kann­te die Orga­ni­sa­ti­on aus­schließ­lich aus den Medi­en. Ich war sehr über­rascht davon, wie orga­ni­siert die Bewe­gung von Anfang an auf­ge­baut wur­de, wie groß die schon ist und was da so für Men­schen mit­ma­chen und dass das über­haupt gar nicht so ist, wie es eben medi­al auf­be­rei­tet wird.
Ja, genau und war dann erst­mal ein paar Mal so mit dabei, bei Ple­na, bei gemein­sa­men Essen, hab die Leu­te ein biss­chen ken­nen­ge­lernt, hab dann ers­te Auf­ga­ben über­nom­men und woll­te erst­mal nur im Hin­ter­grund hel­fen, weil ich gedacht hab, dass ich mich nie­mals trau­en wer­de, da irgend­wie
wirk­lich eine Stra­ße mit zu blo­ckie­ren. Weil man damit auch wirk­lich ein kras­ses Risi­ko ein­geht für die eige­ne Psy­che, für die kör­per­li­che Gesund­heit und eben dann auch spä­ter vor­be­straft sein wird — sehr wahr­schein­lich. Man mit dem poli­zei­li­chen Repres­sio­nen zu kämp­fen hat, vor Gericht muss, sehr viel Geld bezah­len muss als Stra­fe. Und das ja dann auch nicht mehr unge­sche­hen machen kann und da dann nicht mehr raus­kommt. Nach einem hal­ben Jahr unge­fähr habe ich mich aber dann doch dafür ent­schie­den und habe dann an der ers­ten Stra­ßen­blo­cka­de teil­ge­nom­men. Und da ist auch die­ses Bild entstanden.

Auch Otto Nagel wur­de in jun­gen Jah­ren poli­tisch aktiv. Schon mit 15 Jah­ren nahm er an der Demo zum 1. Mai teil, um sich für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen ein­zu­set­zen. „Die Letz­te Gene­ra­ti­on“ for­dert unse­re Regie­rung auf, bis 2030 aus allen fos­si­len Brenn­stof­fen aus­zu­stei­gen. Die­ses Ziel ver­folgt ihr mit Hil­fe von zivi­lem Unge­hor­sam. War­um ist die­se Form des poli­ti­schen Akti­vis­mus dei­ner Mei­nung nach sinn­voll, um eure For­de­run­gen durchzusetzen?

Die Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung ist seit fünf Jah­ren, seit dem Start von Fri­days for Future, wirk­lich deutsch­land­weit aktiv und bekannt und so, dass das The­ma Kli­ma­ka­ta­stro­phe an das Bewusst­sein der meis­ten Men­schen gerückt ist. Das Pro­blem ist aber, dass der Pro­test, so wie er bis vor zwei Jah­ren war, ein­fach igno­riert wer­den kann, weil er alle hal­be Jahr statt­fin­det auf gro­ßen, ange­mel­de­ten Demons­tra­tio­nen, die man irgend­wie super leicht in Schach hal­ten kann.
Und es ist so leicht igno­rier­bar, dass Politiker*innen dazu auf­ru­fen, so wie: „Ja klar, macht da mit, enga­giert euch auf jeden Fall und es ist doch schön, lauft doch bei den Demos mit“. Und dann wird aber nicht gehan­delt. Das, was dabei raus­ge­kom­men ist, war ein Kli­ma­pa­ket, was vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­wid­rig ein­ge­stuft wur­de. Und als das jetzt ent­schie­den
wur­de, die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung dar­auf war, die­ses Paket noch wei­ter auf­zu­wei­chen.
Und uns läuft lang­sam die Zeit davon und dann muss ein­fach mehr gemacht wer­den. Ein Mit­tel, dies zu tun, ist eben zivi­ler Unge­hor­sam. Wir müs­sen so doll stö­ren, dass es nicht mehr igno­riert wer­den kann, dass Leu­te han­deln müs­sen, dass die Poli­tik han­deln muss.
Es geht uns nicht dar­um, mit die­sen Stra­ßen­blo­cka­den Autofahrer*innen, die gera­de auf dem Weg zur Arbeit sind, zu blo­ckie­ren, son­dern es geht dar­um, über die­ses Mit­tel media­le Auf­merk­sam­keit zu gene­rie­ren und an die Poli­tik ran­zu­kom­men.
Es gab ganz vie­le ande­re Aktio­nen, die es lei­der nie­mals in die Medi­en geschafft haben. Es wur­den Pipe­lines abge­dreht. Es gibt regel­mä­ßig, nach wie vor,
Demons­tra­tio­nen vorm Kanz­ler­amt und Aktio­nen dort. Auf Sylt gab es ganz vie­le Aktio­nen gegen Super­rei­che. Uns wird immer gesagt: „Wen­det euch doch mal an die, die wirk­lich schuld an dem Gan­zen sind.“ Das machen wir. Es gibt Aktio­nen vor dem Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um, vor der FDP-Par­tei­zen­tra­le, vor der SPD-Par­tei­zen­tra­le. Es fin­den ganz ganz viel­fäl­ti­ge Aktio­nen statt auf Flug­hä­fen. Alles Mög­li­che. Das, was wirk­lich zieht, sind lei­der die­se Stra­ßen­blo­cka­den. Und das Ziel davon ist eigent­lich, die­ses gan­ze Sys­tem ein biss­chen zu
über­for­dern, mit die­sen gan­zen Straf­ver­fah­ren, die eben danach kommen.

Wir ste­hen alle mit Namen und Gesicht zu dem, was wir da tun. Wir sind fried­lich, wir scha­den kei­nem Men­schen. Klar, wir sor­gen dafür, dass viel­leicht mal ein Mensch zu spät zur Arbeit kommt oder irgend­was. Aber dass ist mei­ner per­sön­li­chen Mei­nung nach trotz­dem legi­tim, weil über 99,9 Pro­zent der Staus, die in Deutsch­land all­täg­lich da sind, die wer­den nicht durch uns ver­ur­sacht. Ja,
ich weiß nicht, das ist jetzt nichts Neu­es, dass man wegen Stau zu spät zur Arbeit kommt. Das Ziel ist halt ein­fach, qua­si so doll zu ner­ven und so doll zu stö­ren, dass irgend­wann gehan­delt wer­den muss. Und des­we­gen den­ke ich, dass es ein legi­ti­mes Mit­tel ist.
Das Ziel ist es, die gro­ße For­de­rung ist mitt­ler­wei­le, bis 2030 aus allen fos­si­len Ener­gie­trä­gern — also Gas, Öl und Koh­le — aus­zu­stei­gen. Das ist laut Wirtschaftswissenschaftler*innen und Gesellschaftswissenschaftler*innen gesell­schaft­lich und tech­nisch umsetz­bar. Wir stel­len kei­ne For­de­run­gen, die nicht rea­lis­tisch sind. Die Men­schen in der Poli­tik und die Men­schen in der
Wirt­schaft und die Lob­by­ver­bän­de, die müs­sen halt nur wol­len. Genau, und des­we­gen machen wir das und stö­ren auf die­se Wei­se und haben die­se Forderungen.

Mit eurem Pro­test the­ma­ti­siert ihr den Kli­ma­wan­del, der zukünf­tig die Lebens­be­din­gun­gen der gesam­ten Mensch­heit beein­flus­sen und gefähr­den wird. Laut IPCC ist das 1,5‑Grad-Ziel kaum noch zu errei­chen und schon jetzt sind vie­le Regio­nen, über­wie­gend in Ent­wick­lungs­län­dern, direkt von der Kli­ma­kri­se betrof­fen. Trotz die­ser Ent­wick­lun­gen stoßt ihr bei euren Pro­tes­ten ver­mehrt auf Frust und Ableh­nung. Wie erklärst du dir die­se feh­len­de Solidarität?

Ich habe mich lan­ge gefragt, was der Grund dafür ist, dass wir gesell­schaft­lich so unglaub­lich schlecht ange­se­hen sind, dass wir so fer­tig gemacht wer­den, dass die Spra­che ver­roht.
Wir bekom­men bei Aktio­nen, egal ob das jetzt am Stra­ßen­rand ist oder auf der Stra­ße bei einer Blo­cka­de, ich habe schon mehr­mals gehört, dass Leu­te zu Polizist*innen gehen und fra­gen: „War­um erschießt ihr die nicht alle? War­um ver­scharrt ihr die nicht im Wald? Hey, lass die kle­ben, ich habe eine Mache­te im Auto.“ Der Hass ist enorm. Ich habe schon gese­hen, wie Freund*innen von mir ange­fah­ren wur­den oder geschla­gen wur­den oder getre­ten oder ange­spuckt. Und ich den­ke, dass der Hin­ter­grund, war­um das so krass ist und ja anschei­nend nur bei uns so krass ist, weil es gibt momen­tan die Bau­ern­pro­tes­te, die nut­zen genau die glei­che Stra­te­gie, die füh­ren ganz häu­fig genau­so unan­ge­mel­de­te Stra­ßen­blo­cka­den durch. Die wer­den gesell­schaft­lich ganz anders wahr­ge­nom­men. Und ursprüng­lich kam die­ses gan­ze Ding mit dem von wegen „Kli­ma­ter­ro­ris­ten“,“ Kli­ma-RAF“, das kam aus der Poli­tik.
Das sind popu­lis­ti­sche Mit­tel, die gegen uns ein­ge­setzt wer­den. Das ist das, wie es erst­mal läuft in Wider­stands­be­we­gun­gen. Also erst­mal, gut, erst­mal wird man igno­riert, so von wegen hey, viel­leicht ein biss­chen lächer­lich gemacht, „Die
gehen schon von allei­ne weg.“ Das war ganz am Anfang bei der „Letz­ten Gene­ra­ti­on“ der Fall.
Irgend­wann mer­ken die Men­schen: „Okay, mist, das sind jetzt doch schon ein paar mehr Leu­te, das funk­tio­niert so nicht“. Und dann wer­den sol­che Mit­tel genutzt: Dann wird geschaut, dass man uns klein macht, dass man uns mit Repres­sio­nen über­häuft. Und schaut, dass so viel Hass gesät wird, dass die Spra­che ver­roht. Ich fin­de das super bedenk­lich, dass so vie­le Leu­te das okay zu fin­den schei­nen, weil die­ses, also das wir täg­lich hören, das ist nicht mehr nor­mal.
Ich habe so einen Hass davor noch nie erlebt. Ich find das ganz, ganz schreck­lich. Und der Hass, der geht nicht nur von Autofahrer*innen aus, die wir gera­de aktiv blo­ckie­ren, son­dern von Fußgänger*innen, von Fahrradfahrer*innen, von Men­schen, die ein­fach da gera­de irgend­wie in der Nähe sind, von der Pres­se zum Teil. Aber auch ganz stark von Polizist*innen, die uns mit Schmerz­grif­fen von der Stra­ße zer­ren, die Men­schen teil­wei­se schon Hand­ge­len­ke gebro­chen haben dabei, die Men­schen von der Stra­ße rei­ßen, sodass sie dann blu­ti­ge Hän­de haben. Das nimmt mich immer ziem­lich mit, das zu sehen. Und ja, ich den­ke ein­fach, dass es eben die­ses ist. Es wird öffent­lich ganz viel, ganz, ganz schlecht, über uns gere­det. Es wird ganz viel über die Pro­test­form gere­det. Wir wer­den ziem­lich schlecht dar­ge­stellt. Und dadurch haben mit der Zeit alle Men­schen das Gefühl, dass das legi­tim ist, über uns zu spre­chen und sich so uns gegen­über zu ver­hal­ten. Genau und es ist wahr­schein­lich auch leich­ter gegen uns zu sein, weil wenn man für uns wäre, dann müss­te man ja anneh­men und sich ein­ge­ste­hen, dass wir vor einem rie­si­gen Pro­blem ste­hen und dass unser Leben, so wie wir es gera­de haben, dass das so nicht wei­ter­ge­hen wird.
Die Kli­ma­kri­se wird erst­mal Län­der tref­fen, die irgend­wie näher am Äqua­tor sind. Wir hier wer­den nicht sofort die größ­ten Pro­ble­me haben, aber bei Sachen wie im Aal­tal oder jetzt auch bei den Über­schwem­mun­gen, die es um die Weih­nachts­zeit gab, hat man ja gese­hen, dass es uns hier genau­so trifft.
Es gab letz­tes Jahr Golf­ball gro­ße Hagel­kör­ner in Bay­ern. Das gab es davor nicht. Und das gab es vor allem nicht in die­ser Häu­fig­keit. Was bei uns als ers­tes pas­sie­ren wird, ist, dass sich gesell­schaft­lich und poli­tisch was ändert. Und das mer­ken wir gera­de schon ganz doll. Und wenn man uns nicht so has­sen wür­de, dann müss­te man sich wahr­schein­lich ein­ge­ste­hen, dass wir wirk­lich vor rie­si­gen Pro­ble­men ste­hen und dass wir was ändern müs­sen, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann.
Ich glau­be, für vie­le Men­schen ist es ein­fa­cher, unter ihrer klei­nen Käse­glo­cke zu blei­ben und sich mit sol­chen Fra­gen nicht aus­ein­an­der­zu­set­zen und das zu ver­drän­gen. Und ja, des­we­gen ist dann die Reak­ti­on eben die­se, wie sie von momen­tan wahr­schein­lich so unge­fähr 80 Pro­zent der Gesell­schaft momen­tan ist.

Hast du Ängs­te und/​oder Hoff­nun­gen bezo­gen auf die Kli­ma­kri­se? Und was überwiegt?

Also ich bin ein rela­tiv ratio­nal den­ken­der Mensch. Ich habe nicht gro­ße Angst oder so. Das war auch nicht der Grund, war­um ich zur „Letz­ten Gene­ra­ti­on“ gekom­men bin.
Ich den­ke mir ein­fach, ich habe mir die Fak­ten ange­guckt. Ich gucke mir das an, was beim IPCC raus­kommt, was dort gesagt wird, was die vom Kli­ma­for­schungs­in­sti­tut in Pots­dam sagen. Schaue mir Berich­te
und Stu­di­en an und schlie­ße dar­aus ein­fach, dass wir ganz drin­gend was tun müs­sen. Und dass wir hier ein ganz, ganz gro­ßes Pro­blem haben und ein viel grö­ße­res als uns die Poli­tik viel­leicht momen­tan — da wird das ein­fach noch ein biss­chen run­ter­ge­spielt, oder ein biss­chen sehr. Ganz nüch­tern betrach­tet, der Kli­ma­wan­del und sei­ne Fol­gen wer­den kom­men. Dar­über sind sich alle Wissenschaftler*innen einig, was in der Wis­sen­schaft sonst nicht pas­siert.
Es sind sich alle einig seit 1970, 1980, dass der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del real ist und dass man da was gegen machen muss und dass das so nicht wei­ter­ge­hen kann, dass uns das vor rie­si­ge Pro­ble­me stel­len wird.
Ich hab nicht wirk­lich Angst. Das war für mich ein­fach der logi­sche Schluss: „Okay, jetzt müs­sen wir was tun.“ Und ich möch­te spä­ter nicht zu den Leu­ten gehö­ren, die sagen: „Ach Mist, hät­ten wir mal.“ Selbst wenn
das hier alles über­haupt gar nicht funk­tio­niert, möch­te ich zu den Leu­ten gehö­ren, die sagen kön­nen: „Okay, ich hab wirk­lich alles pro­biert.“ Oder so viel, wie es mir eben mög­lich war. Und zwar nicht nur, ich hab mal nach der Arbeit abends irgend­wie eine Peti­ti­on unter­schrie­ben, und dann hab ich wei­ter Net­flix geguckt, son­dern: „Ich habe mich wirk­lich rich­tig ein­ge­setzt und
rich­tig viel dafür gege­ben, so viel, wie ich eben konn­te.“ Ja, also mei­ne Hoff­nung ist der­zeit: Wenn man sich gera­de vor allem die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen bei uns hier im Land anguckt, nicht beson­ders groß, um ehr­lich zu sein. Das ist für mich aber trotz­dem kein Grund auf­zu­hö­ren. Weil
ich mir den­ke, wenn man gar nichts mehr macht, dann kann man auch die Hoff­nung kom­plett auf­ge­ben. So haben wir zumin­dest noch ein klei­nes biss­chen Hoff­nung, dass sich was ändert.
Ich habe schon irgend­wie die­ses Bild vor Augen, dass wenn wir das mal umset­zen wür­den, so wie man das eben machen soll­te, dann hät­ten wir Städ­te, in denen kei­ne Autos mehr fah­ren oder nur noch ganz, ganz weni­ge, dann wäre die Luft für alle viel bes­ser. Dann hät­ten wir viel mehr
Grün­flä­chen, viel mehr Was­ser in den Städ­ten. Wir hät­ten gesün­de­res Essen. Gene­rell eine gesün­de­re Gesell­schaft, ein gesün­de­res Umfeld, viel weni­ger Lärm ein­fach. Also so eigent­lich ein biss­chen wie eine Uto­pie. Und das wäre super schön. Es ist mög­lich, dass das pas­siert, auch zeit­nah. Man muss nur wol­len als Gesell­schaft. Und es gibt auch ande­re Län­der, die das schon sehr viel bes­ser machen als Deutschland.

Also, Angst habe ich momen­tan vor allem eher vor die­sen poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen, was den Rechts­ruck angeht. Ich habe Hoff­nung — lei­der nicht sehr viel. Und sonst habe ich für mich ein­fach logisch betrach­tet ent­schie­den, dass es jetzt, in die­sem Moment das Rich­ti­ge ist, sich bei der „Letz­ten Gene­ra­ti­on“ oder gene­rell in der Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung zu engagieren.

Was wür­dest du dir per­sön­lich von unse­rer Gesell­schaft wünschen?

Zual­ler­erst für die Men­schen, die ich im letz­ten Drei­vier­tel­jahr bei der „Letz­ten Gene­ra­ti­on“ ken­nen­ge­lernt habe, wür­de ich mir wün­schen, dass die Gesell­schaft mal anfängt, sel­ber nach­zu­den­ken und nicht auf irgend­wel­chen Popu­lis­mus rein­fällt und mensch­li­cher wird und ver­sucht, ein biss­chen ein­fühl­sa­mer zu sein und vor allem weni­ger gewalt­tä­tig ist. Dass sie nicht mehr grund­los fried­li­che Men­schen angreift, das wäre schon mal gut. Und ansons­ten wün­sche ich mir, dass mehr Men­schen anfan­gen, was zu tun und zwar wirk­lich etwas zu tun und sich ein­zu­set­zen, eben so viel, wie gera­de mög­lich ist. Dass sich Men­schen bes­ser infor­mie­ren. Mehr im Umfeld über das The­ma Kli­ma­kri­se und Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu spre­chen. Oder das eige­ne Ver­hal­ten
zu ändern und vor allem auch die rich­ti­gen Wahl­ent­schei­dun­gen zu tref­fen, auf Demos zu gehen, Druck auf die Poli­tik auf­zu­bau­en, dass sich wirk­lich was ändert, weil wir wer­den sonst alle ein rie­si­ges Pro­blem haben.

Wir, die Men­schen in der Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung, die sich gera­de wirk­lich aktiv enga­gie­ren und die, ich zäh­le da jetzt gar nicht unbe­dingt dazu, brin­gen rie­si­ge Opfer für das, was sie dort tun. Die wer­den ihr Leben lang ver­schul­det sein, die gehen ins Gefäng­nis dafür. Obwohl sie nie gewalt­tä­tig waren,
obwohl sie immer fried­lich waren. Die machen das für uns alle, auch für die Men­schen, die sie von der Stra­ße zer­ren, für die Men­schen, die sie anfah­ren oder tre­ten oder kei­ne Ahnung. Und ich wün­sche mir vor allem, dass Men­schen mal ein biss­chen mehr über den Tel­ler­rand gucken, sich nicht irgend­wie blen­den las­sen von dem, was man­che Politiker*innen gera­de sagen oder von die­sen gan­zen Ablen­kun­gen, die es gibt, wie z.B. die­ser tota­le Über­kon­sum, der nie­man­den von uns wirk­lich nach­hal­tig glück­lich macht. Dass alle ver­ste­hen, was da pas­sie­ren wird und dass das gar kei­ne gute Ent­wick­lung ist. Dass wir ein­fach was tun müs­sen.
Aus der Pro­test­for­schung weiß man, dass es unge­fähr drei­ein­halb Pro­zent braucht von der Bevöl­ke­rung, um wirk­lich nach­hal­ti­gen Wan­del anzu­sto­ßen in einer Gesell­schaft. Und ich wür­de mir wün­schen,
dass wir nicht nur, wie jetzt gera­de, ein paar tau­send Men­schen sind, son­dern dass wir auf die­se drei­ein­halb Pro­zent kom­men. Natür­lich ist es bis dahin noch ein super wei­ter Weg und viel­leicht schaf­fen wir das gar nicht. Kei­ne Ahnung. Ich weiß es nicht. Es ist ein­fach nur ein Ver­su­chen. Es ist gera­de bes­ser als nichts zu machen. Aber ja, letzt­end­lich wün­sche ich mir, dass mehr Men­schen
mit uns auf die Stra­ße gehen oder sich auf ande­re Art und Wei­se in der
Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung enga­gie­ren oder auch was gegen den Rechts­ruck zum Bei­spiel in Deutsch­land tun. Eben wirk­lich was tun und anfan­gen nach­zu­den­ken, sich zu infor­mie­ren und ein­fach was für die­se Gesell­schaft machen und sich nicht nur die gan­ze Zeit ablen­ken las­sen.
Genau das wür­de ich mir wünschen.

Kunst-Kurs im Interview mit Axel Matthies

„Unter Arbei­tern gibt es nur eins: Soli­da­ri­tät, unbe­ding­tes Ein­ste­hen für­ein­an­der, ein­an­der immer hel­fen, und nie jeman­den fal­len las­sen. (…) Otto Nagel stellt die Men­schen ein­fach so dar, wie sie sind, wie sie leben, und dass er dann sagt, so kann das Leben nicht wei­ter gehen.“

Axel Mat­thies, Freun­de Schloss Bies­dorf e.V.

„Die Soli­da­ri­tät ist zu Nagels Zei­ten natür­lich, da es den Men­schen nicht gut ging. […] Wenn man in sol­chen Ver­hält­nis­sen lebt, dann hält man auto­ma­tisch zusam­men. […] Die Not, die Umstän­de zwan­gen soli­da­risch zu sein.“

Axel Mat­thies, Freun­de Schloss Bies­dorf e.V.

„Die Pro­blem­la­ge heu­te ist nicht so unmit­tel­bar. (…) Die Pro­ble­me sind völ­lig ande­re. Man muss gemein­sa­me Zie­le for­mu­lie­ren. Man hat etwas „Feind­li­ches“, gegen das man sich ver­bün­den kann. Es muss etwas Gemein­sa­mes gefun­den werden.

Alle Kli­ma­for­scher (…) sagen, wir rasen da in einer abgrund­tie­fen Geschwin­dig­keit auf etwas zu, wo wir nicht wis­sen, was hin­ten dabei raus­kommt. Ich kann nur sagen: Man soll­te, ohne dass sich alle dabei fest­kle­ben müs­sen, (…) gemein­sam Wege fin­den, um sich zum Kli­ma­wan­del zu posi­tio­nie­ren, sodass man wirk­lich etwas Sinn­vol­les tut, um das 1,5°-Ziel zu erreichen.”

Axel Mat­thies, Freun­de Schloss Bies­dorf e.V.

Liviana im Interview mit ihrer Oma

Liviana Marcusson: Verloren, Acrylmalerei, 37,5 x 29,5cm

Wer­te sind grund­sätz­li­che Über­zeu­gun­gen und Prin­zi­pi­en, die unser Den­ken, Han­deln und Ver­hal­ten beein­flus­sen. Sie die­nen als Richt­li­ni­en, die uns hel­fen, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, Prio­ri­tä­ten zu set­zen und unser Ver­hal­ten in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen zu gestalten.

Wer­te kön­nen per­sön­lich sein und indi­vi­du­el­le Über­zeu­gun­gen wider­spie­geln, aber sie kön­nen auch gesell­schaft­lich, kul­tu­rell oder mora­lisch geprägt sein. Sie bil­den die Grund­la­ge für unser Ver­ständ­nis von Gut und Böse, beein­flus­sen zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und tra­gen zur For­mung unse­rer Iden­ti­tät bei. Wer­te sind somit essen­ti­el­le Ele­men­te, die unser Leben in viel­fäl­ti­ger Wei­se prägen.

Im Leis­tungs­kurs Kunst beschäf­ti­ge ich mich seit Mona­ten mit dem The­ma Soli­da­ri­tät. Ein Ergeb­nis mei­ner Arbeit ist die Acryl­ma­le­rei „Ver­lo­ren“. Im Vor­der­grund steht eine trau­rig am Betrach­ter vor­bei­bli­cken­de Per­son. Die expres­si­ve Mal­wei­se ver­stärkt die gefühls­ge­la­de­ne Wir­kung. Im Hin­ter­grund erstreckt sich eine Stadt­land­schaft, domi­niert von küh­len Tür­kis- und Blau­tö­nen, die eine Atmo­sphä­re der Distanz und Käl­te schaf­fen. Der Regen spie­gelt nicht nur das Wet­ter, son­dern auch den emo­tio­na­len Tief­gang wider. Die Kom­po­si­ti­on zeigt zahl­rei­che Men­schen ohne Gesich­ter in schwar­zer Klei­dung. Jede ein­zel­ne Gestalt scheint in ihrer eige­nen Welt gefan­gen zu sein.

Die­ses Bild soll dazu ein­la­den, über die Bedeu­tung von Soli­da­ri­tät nach­zu­den­ken, indem es expres­siv die Ein­sam­keit inmit­ten einer Men­schen­men­ge und die Sehn­sucht nach Zusam­men­halt in einer kal­ten Umge­bung darstellt.

Laura und ein Freund

Laura Kockert: Ignoranz der Gesellschaft, Acrylmalerei, 37,5 x 29,5cm

Mit dem Bild erin­ne­re ich mich an die Situa­ti­on, in der ich gemein­sam mit einem Freund einen Obdach­lo­sen mit einem Hund in der Käl­te sit­zen sah und wir ihm etwas Geld und Essen gege­ben haben. Ich nutz­te die­se Situa­ti­on als Inspi­ra­ti­on für mei­ne Semes­ter­ar­beit, die sich mit dem Wert der Soli­da­ri­tät aus­ein­an­der­setzt. Genau­er gesagt basier­te mein Werk auf dem Man­gel an Soli­da­ri­tät und der Igno­ranz der
Gesell­schaft gegen­über Leid und Armut – beson­ders in Berlin.

Auf mei­nem Werk ist ein Obdach­lo­ser zu sehen, der mit einem Hund in sei­nem Schoß vor dem U‑Bahnhof Fried­rich­stra­ße sitzt. Im Hin­ter­grund ist eine Frau dar­ge­stellt, die sich abwen­det und einer Wer­be­ta­fel zuwendet.

Den Wert der Soli­da­ri­tät ver­trat auch Otto Nagel in sei­nen Wer­ken. Er stell­te als Arbei­ter­ma­ler vor allem die Arbei­ter­schicht dar, das Elend in Ber­lin und Men­schen, wie Pro­sti­tu­ier­te, Bett­ler oder Asy­lan­ten, die von Armut betrof­fen waren, um Auf­merk­sam­keit zu erre­gen. Dabei schaff­te er es über die Abbil­dung einer Per­son eine gan­ze Per­so­nen­grup­pe darzustellen.

Mein Werk ist von Otto Nagels Wer­ken und vor allem sei­nen Bild­aus­sa­gen zum The­ma Armut in Ber­lin inspi­riert. Wie zuvor erwähnt, habe ich ver­sucht, die feh­len­de Soli­da­ri­tät als mei­ne zen­tra­le Bild­aus­sa­ge dar­zu­stel­len. Die­sen Wert sol­len vor allem die küh­len Far­ben, aber auch die Hal­tung, die Mimik und die Ges­tik des Obdach­lo­sen – die­se gekrümm­te, schüt­zen­de Hal­tung – ver­mit­teln. Aber natür­lich auch die Frau im Hin­ter­grund, die sich abwen­det und ihn kom­plett ignoriert.

Carla im Interview mit ihrer Oma

Carla M. Bösel: Zorn, Acrylmalerei, 41,5 x 29,5cm

Nach Lea Sus­e­mi­chel (deut­sche Jour­na­lis­tin) wird Soli­da­ri­tät durch Emo­tio­nen aus­ge­drückt und gelei­tet, wobei vor allem nega­ti­ve Gefüh­le als Motor von Soli­da­ri­tät die­nen. Auf dem Bild ist eine deut­li­che Unru­he der Per­son erkenn­bar, eben­so wie ein erns­ter Blick und Wut. Durch feh­len­de Soli­da­ri­tät kön­nen nega­ti­ve Gefüh­le her­vor­ge­ru­fen wer­den, was ich hier dar­stel­len wollte.

Gab es Situa­tio­nen in dei­nem Leben, in denen du feh­len­de Soli­da­ri­tät erlebt hast? Wenn ja, wie erging es dir dabei?

Ja, da erin­ne­re ich mich an eine Situa­ti­on, aber ich war damals noch ein Kind, neun Jah­re alt. Zu jener Zeit gab es die Mau­er durch Ber­lin noch nicht; die wur­de erst 1961 errich­tet. 1960 war ich mit mei­nem Vater in West­ber­lin unter­wegs; damals konn­te man noch hin und her fah­ren. Wir besuch­ten gute Bekann­te im ame­ri­ka­ni­schen Sek­tor von West­ber­lin, an den genau­en Stadt­teil kann ich mich nicht erin­nern. Als wir von dort nach Hau­se fah­ren woll­ten, kamen wir am Zoo­lo­gi­schen Gar­ten an. Dort wur­de mein Vater von eini­gen Jugend­li­chen, die nicht wuss­ten, wohin mit ihrer Stär­ke, ver­bal ange­grif­fen. Der Angriff ziel­te auf sein Äuße­res ab. Mein Vater war im Krieg schwer ver­wun­det wor­den und hat­te eine ent­stel­len­de Nar­be im Gesicht. Die Jugend­li­chen pöbel­ten ihn an und ver­such­ten, hand­greif­lich zu wer­den. Ich stand neben ihm, und als sie auf uns zuka­men und ihn zu schla­gen ver­such­ten, schrie ich laut. Das mach­te Poli­zis­ten auf­merk­sam, die frag­ten, was los sei. Die Men­schen­men­ge ging dar­auf­hin aus­ein­an­der, ohne ein Wort zu sagen. Mein Vater nutz­te die Pau­se, zog mich an der Hand zum Bahn­hof, und wir flüch­te­ten in die S‑Bahn nach Hau­se. Das Ereig­nis hat mich tief geprägt.

Das klingt hef­tig. Aber ich glau­be, das ist oft so: Wenn vie­le Men­schen zusam­men sind, macht nie­mand etwas, weil jeder denkt, ande­re könn­ten eingreifen.

Genau, nie­mand hat etwas unter­nom­men. Es waren mehr Leu­te da als die drei Jugend­li­chen, die sich über mei­nen Vater lus­tig mach­ten. Das Erleb­nis ist mir in tie­fer Erin­ne­rung geblieben.

Wie beur­teilst du die Rol­le von Soli­da­ri­tät in der heu­ti­gen Gesellschaft?

Ich sehe Soli­da­ri­tät in der heu­ti­gen Gesell­schaft nach wie vor als wich­tig an. Wenn es kon­kre­te Situa­tio­nen gibt, in denen man der Mei­nung ist, ein­grei­fen zu kön­nen, dann tun die Leu­te das auch. Nicht immer, denn es hängt auch davon ab, wie stark sich jemand fühlt, ein­grei­fen zu kön­nen. Vie­le haben aller­dings Angst und gehen Kon­flik­ten lie­ber aus dem Weg. Das wird sogar von der Poli­zei so emp­foh­len, gefähr­li­chen Situa­tio­nen aus­zu­wei­chen.
Aber wenn es dar­um geht, einem Nach­barn zu hel­fen, sehe ich das schon. Ich zum Bei­spiel hel­fe mei­nen Nach­barn, die aus der Ukrai­ne stam­men, bei klei­nen Din­gen, und der neun­jäh­ri­ge Sohn ver­sucht, eben­falls mir zu hel­fen.
Dann haben wir hier im Haus eine älte­re Dame, die mit einem Rol­la­tor unter­wegs ist. Sie hat von vie­len Leu­ten die Tele­fon­num­mern und ruft an, wenn sie Hil­fe braucht. Das funk­tio­niert hier eigent­lich ganz gut.
Aber nicht alle Haus­be­woh­ner hel­fen. Das liegt auch dar­an, dass die Leu­te ein­fach kei­ne Zeit haben. Wer von mor­gens bis abends arbei­tet, hat abends kei­ne Zeit mehr, sich um ande­re zu kümmern.

Angelika im Interview mit ihrer Mutter

Angelika Herzog: Mutterliebe, Acrylmalerei, 41,5 x 29,5cm

Dan­ke Mama, dass ich das Inter­view mit dir füh­ren darf. Kannst du dich bit­te ein­mal kurz vor­stel­len: Wer bist du, wo kommst du her und was machst du?

Ich freue mich auf das Inter­view mit dir. Mein Name ist Hele­na Her­zog, ich kom­me aus Russ­land, und ich bin seit 23 Jah­ren in Ber­lin. Ich arbei­te der­zeit im Abge­ord­ne­ten­haus für den Peti­ti­ons­aus­schuss als Refe­ren­tin, bin ver­hei­ra­tet und habe zwei wun­der­schö­ne Töchter.

Du bist zur Jahr­hun­dert­wen­de von Russ­land nach Deutsch­land gekom­men. Wie hat dich das denn beeinflusst?

Das war die Zeit vie­ler Ver­än­de­run­gen, gera­de in Russ­land und auch in mei­nem Leben. Ich habe mein Stu­di­um in Russ­land abge­bro­chen und bin mit mei­nen Eltern und mei­nem Bru­der nach Deutsch­land gekom­men. So muss­te ich mit fast 21 Jah­ren mein Leben neu anfan­gen oder fast neu anfan­gen. Die neue Spra­che ler­nen, neue Kul­tur ken­nen­ler­nen, neue Freun­de fin­den. Der Fami­li­en­zu­sam­men­halt war natür­lich sehr wich­tig in die­ser Zeit.

Was sind denn wich­ti­ge Wer­te, die dich in der Kind­heit geprägt haben, und wel­che davon möch­test du ger­ne weitergeben?

Als Kind habe ich immer die Lie­be mei­ner Eltern gespürt, und auch der fami­liä­re Zusam­men­halt war sehr wich­tig. Wich­tig fin­de ich auch Wer­te wie zum Bei­spiel Tole­ranz, Offen­heit, inne­ren Frie­den und Har­mo­nie, vor allem, dass man mit sich selbst im Rei­nen ist.

Ich fin­de, das sind gute Wer­te, die man auch wei­ter­ge­ben soll­te. Hier hast du das Bild von mir, das ich gemalt habe. Wel­che Wer­te und Emo­tio­nen siehst du denn, wenn du einen ers­ten Blick auf das Bild wirfst, und wel­che Gedan­ken und Gefüh­le löst es bei dir aus?

Als ers­tes stößt die Mut­ter­lie­be ins Auge. Die Art und Wei­se, wie die Mut­ter das Kind hält, und der Gesichts­aus­druck der Mut­ter strah­len ein­deu­tig müt­ter­li­che Für­sor­ge aus. Es ist einer­seits Zärt­lich­keit, aber auch eine gewis­se Sor­ge zu sehen. Die Gefüh­le kann ich sehr gut nach­voll­zie­hen, und beim Anblick des Bil­des kann ich das auch nachempfinden.

Es freut mich, dass das, was ich mit dem Bild aus­sa­gen woll­te, auch so rüber­kommt. Im Rah­men mei­nes Leis­tungs­kur­ses Kunst habe ich mich dazu ent­schie­den, zum The­ma Por­trät­ma­le­rei eine Mut­ter-Kind-Bezie­hung dar­zu­stel­len, und in dem Bild sieht man eine Mut­ter, die ganz lie­be­voll ihr Baby schüt­zend im Arm hält. Ich habe nicht expli­zit eine Per­son gemalt, die ich ken­ne, weil ich nicht nur eine Geschich­te erzäh­len woll­te. Die­ses Bild soll all­ge­mein eine Mut­ter-Kind-Bezie­hung dar­stel­len. Die Frau hat einen leicht erschöpf­ten Gesichts­aus­druck, die Augen sind geschlos­sen. Die Haa­re sind zu einem schnel­len Zopf gebun­den. Die Nähe bei­der Per­so­nen soll das inni­ge Ver­hält­nis der bei­den ver­deut­li­chen. Die Far­ben sind dabei leicht getrübt, um den Zustand der Erschöp­fung zu ver­deut­li­chen. Im Hin­ter­grund habe ich mich dazu ent­schie­den, kein Sym­bol ein­zu­bau­en, da ich der Mei­nung bin, der Aus­druck und die Kör­per­hal­tung der Mut­ter allein sind aus­sa­ge­kräf­tig genug. Hast du als jun­ge Mut­ter auch die­se Erschöp­fung und gleich­zei­ti­ge Lie­be zum Kind verspürt?

Ein­deu­tig. Du und dei­ne Schwes­ter sind das schöns­te Geschenk, und das sage ich euch immer wie­der. Die Auf­ga­ben einer Mut­ter, aber auch der Eltern ins­ge­samt, sind nicht auf die leich­te Schul­ter zu neh­men. Man möch­te der Rol­le auch gerecht wer­den und für das Kind da sein. Ich habe in der Zeit, als ihr klein wart, auch stu­diert und zum Teil neben­bei gear­bei­tet. Natür­lich habe ich dann oft auf Schlaf ver­zich­tet, um für euch da zu sein. Das woll­te ich auch, und das war für mich auch sehr wich­tig. Natür­lich war ich oft müde, aber ich war auch glücklich.

Hast du den Wert der Lie­be, der Fami­lie und des Zusam­men­halts auch in dei­ner Kind­heit wahrgenommen?

Ja, auf jeden Fall. Ich konn­te mich immer auf mei­ne Eltern ver­las­sen. Sie haben mich immer unter­stützt, aber auch die wei­te­ren Ver­wand­ten sind gegen­sei­tig für­ein­an­der da. Auch wenn ein Teil nicht hier in der Nähe ist — vie­le sind ja noch in Russ­land, und durch die gro­ße Ent­fer­nung ist es natür­lich nicht so ein­fach -, aber trotz­dem spürt man, dass sie auch für dich da sind, wenn du was brauchst. Genau­so kön­nen sie sich auch auf uns ver­las­sen, wenn etwas ist.

Ja, das stimmt, das habe auch ich so wahr­ge­nom­men. Fin­dest du, man könn­te die Per­so­nen im Bild in eine bestimm­te Zeit oder ein bestimm­tes Umfeld einordnen?

Das Bild, vor allem die Emo­tio­nen der Mut­ter, sind aus mei­ner Sicht sowohl ort- als auch zeit­los. Es müss­te jeder Mut­ter so gehen, dass sie das eige­ne Kind liebt und sich lie­be­voll um es küm­mert, aber auch Sor­gen hat und ver­sucht, es vor nega­ti­ven Ein­flüs­sen zu schüt­zen. Müdig­keit und Erschöp­fung gehö­ren nun auch mal dazu.

Ich habe dir im ver­gan­ge­nen Jahr viel über den Kunst­un­ter­richt und Otto Nagels Leben und auch Wer­ke erzählt. Siehst du Par­al­le­len oder Unter­schie­de zu sei­nen Wer­ken, oder fal­len dir ande­re Künst­ler oder Künst­le­rin­nen ein?

Wenn ich mich recht erin­ne­re, hat Otto Nagel oft Men­schen aus Arbei­ter­schich­ten gemalt, auch vie­le Por­träts von den Fami­li­en­mit­glie­dern, also sei­ne Frau oder sei­ne Mut­ter, ich glau­be auch die Toch­ter. Die meis­ten Bil­der zei­gen auch eine bestimm­te Zeit und kon­kre­te Per­so­nen. Es sind zwar indi­vi­du­el­le Por­träts, aber sie spre­chen für die gesam­te Gesell­schafts­schicht. Auf dei­nem Bild spü­re ich die dar­ge­stell­ten Emo­tio­nen direkt wie­der, dabei muss ich mir weder die Zeit noch den Ort vor­stel­len. Es ist hier kei­ne kon­kre­te sozia­le Schicht gemeint, son­dern rein mensch­li­che Gefüh­le dar­ge­stellt. Aus mei­ner Sicht kann die­se Gefüh­le auch ein Vater empfinden.

Auf wel­che Wei­se ver­suchst du mir und dei­ner Schwes­ter ein Vor­bild zu sein und dei­ne Wer­te weiterzugeben?

Ich ver­su­che vor allem ein­fach ein guter Mensch zu sein, und ich hof­fe, dass ihr das auch so seht. Wir reden ja immer mit­ein­an­der über vie­les, und ihr seht auch dadurch mei­ne Offen­heit und Tole­ranz. Wich­tig für mich ist, dass ihr mir ver­trau­en könnt und dass ihr wisst, dass ich euch unter­stüt­ze. Und auch wenn wir mal unter­schied­li­cher Mei­nung sind, kön­nen wir immer mit­ein­an­der reden, und wir fin­den immer eine Lösung. Für mich ist immer wich­tig, dass ihr eure eige­ne Mei­nung sagen könnt, ihr müsst sie aber auch ver­tre­ten und argu­men­tie­ren kön­nen. Das ist auch sehr wich­tig für euch für spä­ter oder auch jetzt für das Leben außer­halb der Familie.

Vie­len Dank, dass du dir die Zeit genom­men hast, dei­ne Erfah­run­gen zu erzäh­len. Ich dan­ke dir für den tie­fen Ein­blick in dei­ne Gefühls­welt und dan­ke dir auch für dei­ne Bemü­hun­gen als Mutter.

Sehr ger­ne. Ich dan­ke auch dir für dein Inter­es­se und die Mög­lich­keit, dich bei die­sem schö­nen Pro­jekt zu unter­stüt­zen. Ich wün­sche dir viel Erfolg.

Billie im Interview mit einer Freundin

Wie wür­dest du jeman­dem die Neue-Neue-Deut­sche-Wel­le-Sze­ne erklä­ren, der kei­ner­lei Bezü­ge dazu hat?

Ich wür­de sagen, es ist alles noch sehr neu und baut sich noch auf. Ja, es ist alles noch so unsi­cher und die Leu­te sind auch noch so alle so sehr… ver­die­nen noch nicht so viel Geld damit, ver­su­chen das sich irgend­wie alles selbst zu finan­zie­ren und es irgend­wie alles so impro­vi­siert, aber ich fin­de, des­we­gen ist es alles auch sehr so aus so einem Drang her­aus, irgend­was zu bewe­gen und was Neu­es zu erschaf­fen. Und immer wenn ich auf die­sen Kon­zer­ten bin, fühlt man halt ein­fach so die­se, die­ses Gefühl von etwas Neu­em. So eine neue Musik­rich­tung, oder irgend­wie so. Dass die­ser Musi­ker oder Musi­ke­rin vor­ne die­se Lei­den­schaft, die­se Musik, eige­ne Musik end­lich vor­spie­len kann und dass es halt dann Men­schen gibt, […] die zuhören”

Vor allem auch, wenn Din­ge noch so neu sind und man merkt, dass damit die Musi­ker und sowas, noch gar nicht so viel Geld ver­die­nen, dann habe ich das Gefühl, merkt man, wie doll doch der Fokus noch auf der Kunst liegt und nicht auf irgend­wie dem so ande­ren Aspekt von der Musik.

Justus im Interview mit seinem Opa

„Um sich aber in einer Gemein­schaft wohl­zu­füh­len, muss man die­se Gemein­schaft ken­nen und schützen.“

Peter Schwandt

„Soli­da­ri­tät als Aus­druck für Gemein­schaft Gleich­ge­sinn­ter und Ver­trau­ter gab und gibt es. Soli­da­ri­tät als gemein­sa­mes Enga­ge­ment für ein gemein­sa­mes aktu­el­les Ziel gab und gibt es heu­te eben­so. Zuneh­mend bedenk­lich fin­de ich es, wenn Soli­da­ri­tät für eine Sache als mora­li­scher Wert­maß­stab für alle ande­ren vor­ge­ge­ben wer­den soll oder wird.“ Peter Schwandt

„Enga­ge­ment war bis 1990 für uns eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, neben Fami­lie und neben dem Hob­by. […] Seit 1990 hat sich bei uns eine stär­ke­re Ori­en­tie­rung auf das Indi­vi­du­um, die eige­nen Inter­es­sen und Zie­le ausgeprägt.“

Peter Schwandt

„Das Inter­net bie­tet sowohl die Mög­lich­keit einer schnel­len Zustim­mung unter vie­len Betei­lig­ten, als auch die Mög­lich­keit einen schnel­len und brei­ten Shit­s­torm zu organisieren.“

Peter Schwandt